Olympische Geschichte(n) – 1896 bis 1936

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Aller Anfang ist schwer, auch bei Olympia. Michael Dittrich blickt zurück, von Athen 1896 bis Berlin 1936.

Athen 1896: Ein weiter Weg zum Neuanfang

Es ist ein kurzer, weiter Weg „von Athen nach Athen“. Für die Organisation der ersten Spiele der Neuzeit bleiben den Griechen nur zwei Jahre Zeit. Davon vergeht fast die Hälfte mit Gezänk um Geld und Kompetenzen. Erst als IOC-Präsident Pierre de Coubertin das griechische Königshaus zum Mitstreiter gewinnt, geht es voran. Millionär Georgios Averhoff ermöglicht mit einer Spende den Bau des Stadions. Den Spielen selbst fehlt allerdings viel von dem, was Olympia heute ausmacht: Es gibt keine Flagge, keine (Sportler-)Frauen, keinen Eid. In gerade einmal neun Sportarten – Fechten, Gewichtheben, Leichtathletik, Radsport, Ringen, Schießen, Schwimmen, Tennis und Turnen – gehen offiziell 241 Teilnehmer an den Start, manche davon in heute undenkbaren Kombinationen wie Tennis und Laufen oder Turnen und Ringen. Das Rudern wird wegen schlechten Wetters komplett abgesagt. Gesprungen wird aus dem Stand, geturnt in langen Hosen, und US-Leichtathlet Thomas Burke erregt mit seiner Tiefstart-Premiere beim Start zum 100-Meter-Lauf große Aufmerksamkeit.

Paris 1900: Spiele unterm Eiffelturm

Sein Wunsch – seine Stadt: Olympia in Paris. So hat es sich IOC-Präsident Pierre de Coubertin vorgestellt, so bekommt er es. Aber seine olympische Idee geht unter – im Schatten der Weltausstellung unter dem Eiffelturm, als deren Begleitprogramm das sich über fünfeinhalb Monate hinziehende sportliche Geschehen aufgefasst wird. Eröffnungs- oder Schlussfeier? Fehlanzeige. Nicht nur Spaziergänger beobachten die Wettkämpfe eher zufällig; auch manche Sportler wissen – bis zu ihrem Tod – nicht, dass sie Olympia-Medaillengewinner sind. Autofahren, Kanonenschießen und Ballonfahren gehören nicht zum Programm. Das weiß aber niemand so genau, denn die Macher der Weltausstellung haben bereits vorher klargemacht, dass sie die Veranstaltung organisieren und Coubertin keinen Einfluss auf das Programm hat. Das behält der IOC-Boss aber für sich: Das Komitee, fürchtet er, könnte sich sonst in Kenntnis dieser peinlichen Niederlage für Athen als künftig einzigen Austragungsort der Spiele aussprechen.

St. Louis 1904: Weltausstellung mit Anhang

Wird man aus Schaden klug? Nicht bei Olympia in St. Louis. Die Fehler von Paris wiederholen sich. Wie vier Jahre zuvor verkommen die Spiele zum Anhängsel der Weltausstellung. Zwischen Ausstellungspalästen, Sehenswürdigkeiten und einer elektrisch betriebenen Kleinbahn: Olympia, zähe fünf Monate lang und von nur zwölf Nationen besucht. Lediglich 42 der 689 Athleten kommen nicht aus den USA. IOC-Präsident Pierre de Coubertin zeigt sich enttäuscht: Statt der erhofften „Internationalisierung“ nur eine teils absurde Inszenierung der olympischen Idee. So sieht der Baron die von der völkerkundlichen Abteilung der Weltausstellung organisierten „Anthropologischen Tage“ als Diskriminierung an: Wettbewerbe für ethnische Minderheiten – wie Steinwerfen, Schlammkämpfe und Baumstammklettern. De Coubertin zieht die Konsequenzen und reist gar nicht erst an.

London 1908: Ein Gewinn für Olympia

Eigentlich ist Rom als Ausrichter der Spiele 1908 vorgesehen. Doch die italienische Hauptstadt tut sich mit der Organisation schwer und ist nach dem Ausbruch des Vesuvs knapp bei Kasse. Daraufhin vergeben die IOC-Funktionäre bei der Session 1906 in Athen – in Abwesenheit ihres Präsidenten Pierre de Coubertin – die Spiele kurzerhand nach London. Ein Glücksgriff, wie sich herausstellt: Die Veranstaltung ist dieses Mal nicht nur Beiwerk einer Weltausstellung, und erstmals dokumentieren Symbole wie der Einmarsch der Nationen und das Aufziehen der Nationalflaggen im Olympiastadion die feierliche Zusammenkunft der Sportler. Das Stadion selbst glänzt als frühe Multifunktions-Arena: 68.000 Sitzplätze, in der Mitte des Ovals Radrennbahn, Aschen-Laufbahn, Rasen und sogar ein Schwimmbecken. Damit bietet das White City Stadium erstmals die Gelegenheit, möglichst viele Wettkämpfe auf einem Raum mitzuerleben. Es erweist sich als Publikumsmagnet – trotz einer Turnierdauer von scheinbar endlosen 188 Tagen.

Stockholm 1912: Coubertins „Ode an den Sport“

Die schwedischen Gastgeber sorgen dank mustergültiger Organisation und Sportstätten von höchster Qualität für einen reibungslosen Ablauf der V. Olympischen Spiele 1912. Erstmals sind Athleten aus allen Kontinenten vertreten. Blumen, Fahnen und Girlanden dominieren das Bild der Metropole. Lotterien mit einem Reingewinn von umgerechnet drei Millionen Mark sichern die Finanzierung der Veranstaltung.

Antwerpen 1920: Neuanfang nach dem Krieg

Die olympische Idee nimmt nach vier Jahren Kriegswirren und rund zehn Millionen Toten wenig Raum in den Köpfen der Menschen ein. Nicht das nach eigener Satzung neutrale IOC mit Pierre de Coubertin an der Spitze schließt Deutschland aus; das belgische Organisationskomitee lädt Bulgarien, Österreich, Ungarn, das Osmanische Reich und die junge deutsche Republik gar nicht erst ein. Überhaupt – das „gierige“ Deutschland: Weil Coubertin fürchtete, die Deutschen wollten als Ausrichter der für 1916 in Berlin geplanten Spiele das Komitee dauerhaft in ihrer Hauptstadt binden, hatte das IOC 1915 seinen Sitz kurzerhand nach Lausanne verlegt. Vor dem Krieg hatte es den Sitz stets am nächsten Austragungsort der Spiele; aber das Kaiserreich hatte sich zuvor geweigert, die Spiele von 1916 abzusagen – in der überheblichen Annahme, der Krieg sei bis dahin längst gewonnen.

Paris 1924: Die Spiele der Superstars

Noch einmal Spiele in Frankreich – das wünscht sich IOC-Präsident Pierre de Coubertin zu seinem Abschied. Und er bekommt sie, in Paris. Diesmal – und im Gegensatz zu 1900 – perfekt organisiert und mit herausragenden sportlichen Leistungen: Allein in der Leichtathletik werden trotz teils extremer Hitze sieben Weltrekorde aufgestellt. Allerdings muss Coubertin auch eine persönliche Niederlage einstecken. Gegen den erklärten Willen des IOC-Präsidenten erstreiten sich die Frauen, die bereits 1921 mit der „Frauen-Olympiade“ eine ernst zu nehmende Gegenveranstaltung initiiert hatten, ihre erste „offizielle“ Teilnahme an den Spielen. Nach 78 weiblichen Aktiven 1920 sind diesmal 136 Frauen bei Olympia vertreten – in sechs Sportarten. Eine Gruppe von lieblosen Holzbaracken mit Speise- und Aufenthaltsräumen sowie einem Postbüro bilden das erste Olympische Dorf. Die Deutschen sind – wie 1920 – abermals von den Spielen ausgeschlossen.

Amsterdam 1928: Versöhnung statt Rivalität

Versöhnung ist das Stichwort der Spiele von Amsterdam, vor allem aus Sicht der Deutschen. Sie werden – nach zweimaligem Ausschluss in Folge des Ersten Weltkriegs – schon kurz nach den Spielen von Paris 1924 nach Amsterdam eingeladen. Nach ihren „Kampfspielen“ 1922 und 1926, einer Art Olympia-Ersatz, zeigen sich die Deutschen – mit zehn Goldmedaillen, sieben Mal Silber und 14 Mal Bronze und damit Platz zwei im Medaillenspiegel – außerordentlich konkurrenzfähig. So sehr, dass das amerikanische Außenministerium prüfen lässt, ob das „sportliche Aufrüsten“ nicht abermals auf Kriegsvorbereitungen vonseiten Deutschlands schließen lässt. Die Prüfung bleibt offenbar ohne nachhaltiges Resultat. Als „Gold-Schmiede“ erweisen sich vor allem die deutschen Dressurreiter um Carl Freiherr von Langen-Parow, der Einzel- und Teamsieger wird. „Draufgänger“ heißt sein Pferd.

Los Angeles 1932: Spiele in Zeiten der Depression

Nur widerwillig sind die Europäer bereit, Olympia in den USA zuzustimmen. Schlechte Erinnerungen an die Spiele von St. Louis 1904 und hohe Reisekosten für Schiff und Zug schrecken ab. Die Folge: kleinere Teilnehmerfelder. Nur 1.332 Sportler – nach 3.014 vier Jahre zuvor – kommen nach Los Angeles. Auch in deutschen Zeitungen wird kontrovers diskutiert: einerseits Millionen von Arbeitslosen, aber andererseits ein teurer Trip in die Neue Welt? Am Ende macht sich eine 83-köpfige Delegation auf den Weg. Schließlich sind die Deutschen Gastgeber der nächsten Spiele. An Qualität mangelt es den Wettbewerben nicht: 18 Weltrekorde werden auf- oder zumindest eingestellt. Auch die Zuschauerzahlen sind rekordverdächtig: Mehr als 100.000 feiern die Eröffnung, rund zwei Millionen Zuschauer verfolgen die Spiele. Hollywoodstars wie Charlie Chaplin und Marlene Dietrich sorgen in den Stadien für Unterhaltung. Den Veranstaltern beschert Olympia einen Gewinn von etwa einer Million Dollar.

Berlin 1936: Owens siegt und siegt

Jesse Owens siegt, wann immer er startet und gewinnt vor allem die Herzen der Fans. Nicht nur durch seine phänomenalen Leistungen, sondern auch durch sein offenes und bescheidenes Auftreten: Mit dem Leipziger Weitsprung-Europarekordler Luz Long, dem der „Neger“ nach den Plänen der Nationalsozialisten eigentlich unterliegen sollte, lümmelt sich Owens plaudernd im Gras. Im Wettkampf ist der US-Amerikaner allerdings unerbittlich: Seine Erfolgsserie beginnt über 100 Meter in 10,3 Sekunden. Gold Nummer zwei und drei sichert sich der Mann aus Alabama über 200 Meter (20,7 Sekunden/Weltrekord) und im Weitsprung (8,06 Meter). Auch das vierte Gold – über 4×100 Meter in 39,8 Sekunden – ist von einem Weltrekord gekrönt, den US-Boys erst zwanzig Jahre später verbessern können. Owens wird damit der erste Leichtathlet, der bei Olympischen Spielen vier Goldmedaillen holt.

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