Eine Begegnung mit Marcel Reich-Ranicki



Am 21. Juni 1958 steigt Marcel Ranicki in Frankfurt am Main aus dem Zug. In der einen Hand einen Koffer, in der anderen die Reiseschreibmaschine. Seine Frau und sein Sohn sind von Warschau nach London gereist. Ranicki will es wagen: in dem Land neu anfangen, dessen Sprache, dessen Kultur, dessen Literatur er über Alles liebt. Obwohl ihm die Deutschen unendliches Leid angetan hatten. Es folgt eine der erstaunlichsten Karrieren im deutschen Kultur- und Medienbetrieb. Außenseiter, Insider, Kritikerpapst, Fernsehstar.

Und bei allem bleibt Marcel Reich-Ranicki doch immer auch der Mann, der die Bücher liebt, mit ihnen lebt. „Er ist selbst ein Stück Literatur“, schrieb ihm ein anderer Kritiker, Friedrich Luft, ins Stammbuch. Er lobt und verreißt, hat keine Scheu vor klaren Worten. Noch heute spaltet er das Publikum, denn mit seinem Urteil ist Marcel Reich-Ranicki nicht zimperlich. Er hat immer einen Standpunkt, auch wenn er damit aneckt. Manche Freundschaft ist an seiner Streitlust zerbrochen, manch andere wird genau dadurch bestärkt.

„Er schreibt über mich, also bin ich“ sagte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen. Marcel Reich-Ranicki ist, seit er erstmals in den deutschen Feuilletons auftrat, ein Kritiker, der Karrieren aus dem Nichts in die erste Garde der Literatur befördern kann. So ging es der Lyrikerin Ulla Hahn, die von Reich-Ranicki entdeckt wurde. Doch diese Macht hat auch ihre Schattenseiten, denn wenn Reich-Ranicki ein Buch nicht gefällt, sagt er das auch laut und deutlich. So hat er bei den von ihm kritisierten Autoren viele Wunden hinterlassen, die gelegentlich, wie im Fall Martin Walser, zu handfesten literarischen Rachefeldzügen führten.

Von 1988 bis 2001 leitete Reich-Ranicki die legendäre Diskussionssendung „Das Literarische Quartett“. Er holte damit die Diskussion über Bücher aus dem Ghetto des Feuilleton und machte aus ihr ein Stück Showbusiness, auch das zum Missfallen seiner mittlerweile zahlreichen Gegner. Heute ist der Name Reich-Ranicki immer für Schlagzeilen gut, auch weil der Großkritiker keiner Auseinandersetzung aus dem Weg geht. Seine Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises war ein Eklat, der wochenlang die Blätter und TV-Sender beschäftigte. Heftig umstritten und kritisiert, sorgte dieser Auftritt doch auch für eine neue Qualitätsdebatte über das Fernsehen in Deutschland.

Seit fünf Jahrzehnten ist Reich-Ranicki scheinbar „mitten drin“ in der deutschen Gesellschaft. Und doch fühlt er sich als Außenseiter. Sein Lebensweg, der ihn über Berlin ins Warschauer Ghetto nach London und schließlich zurück nach Deutschland führte, hat ihn für immer geprägt. Hansjakob Stehle, einer seiner ältesten Freunde, stellt bei ihm eine Entschlossenheit fest „keinen Augenblick als Verfolgter, als bittstellender oder anbiederungsbereiter Emigrant aufzutreten“. Reich-Ranicki will provozieren. „Warum ? Im Grunde aus dem Willen zur psychischen Selbsterhaltung.“

Eine Begegnung mit Marcel Reich-Ranicki portraitiert den Kritiker in Filmausschnitten und Gesprächen mit Freunden und Weggefährten wie Hellmuth Karasek, Ulla Hahn, Frank Schirrmacher und auch seinem Sohn Andrew. Ein Film von Mathias Haentjes.

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