Wenn Kinder vor den Eltern sterben



Die Trauer um das einzige Kind ist besonders tief und schmerzvoll. Vor allem, wenn man fühlt, dass durch die Kinder das eigene Leben Sinn und Fortführung bekommt. Gertrud (88) hat ihre Tochter und ihre Enkelin durch Krebs verloren. Wäre das nicht so, hätte sie vielleicht nicht in ein Altersheim gehen müssen. Mit den beiden war alles so lebendig. Durch Ausflüge, Gespräche und deren Wärme fühlte sie sich mittendrin. Die andere Tochter aus Amerika ruft jeden Tag an. Dafür macht sie sich schön, achtet auf sich, weil sie glaubt, dass ihre gestorbene Tochter ihr zuschaut. Vor elf Jahren hat Gabriele (63) ihren einzigen damals 23-jährigen Sohn Florian durch plötzlichen Herztod verloren.

Zunächst fühlte sie sich wie in einer Trauerendlosschleife, sagt sie, einsam, verlassen, mut- und kraftlos, wie in einem Eisblock gefangen. Mechanisch erfüllte Gabriele die Formalitäten des Alltags. Im Internet richtete sie eine Gedenkseite für Florian ein. Darin kommuniziert sie mit anderen Eltern, die ihr einziges Kind verloren haben. „Mit dem Tod des Kindes stirbt die eigene Zukunft, die „Unsterblichkeit“ von Eltern, deren Leben in dem ihrer Kinder sich eines Tages fortsetzen wird“. Gabriele widmet sich, nachdem sie sich aus dem Berufsleben zurückziehen wollte und mußte, dem Thema Trauer auf vielfältige, kreative Weise.

Nach dem Tod des Sohnes hat sich Michael (60) aus Bautzen wie verrückt in seine Arbeit als Richter gestürzt. Abends fiel er übermüdet ins Bett. Tag für Tag, auch am Wochenende. Seine Frau hat ihre Arbeit vernachlässigt, viel geschlafen und wenn er ins Bett ging, setzte sie sich vor den Computer, um sich mit anderen betroffenen Müttern auszutauschen. Sie haben lange nebeneinander hergelebt. Er sprach nicht mit ihr über den 26-jährigen Sohn Micha, der im Juni 2004 am Herzinfarkt starb. Michael vernachlässigte auch die jüngeren Geschwister, fühlte sich aus der Vaterrolle geworfen. Seine Frau nahm ihn zwei Jahre später zu einem Trauerseminar mit.

Da ist etwas in ihm aufgebrochen. Jetzt hat er den Tod seines Sohnes akzeptiert. Die eigene Angst vorm Sterben hat er verloren, denn da, in einer anderen Welt, werden sie sich wieder begegnen. Seitdem hat er einen ganz neuen Freundeskreis gefunden. Mit anderen betroffenen Eltern verreist er und kann auch wieder lachen, ohne ein schlechtes Gewissen zu fühlen.

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